Geschichte ohne Schweigen: Lorenz Hemicker liest am EGM
04.03.2026 22:34
Was, wenn der Großvater ein Kriegsverbrecher war – und die Familie es wusste? Lorenz Hemicker hat dazu ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht: „Mein Großvater, der Täter“. Am 23. Februar traf die Stufe 10 den Autoren und hörte Auszüge aus seinem Buch.

Pünktlich zur dritten Schulstunde fanden sich die Schüler:innen, ihre Lehrkräfte und weitere Interessierte in der Aula ein, wo schon alles für die Lesung vorbereitet worden war. Bevor sich Herr Hemicker und Herr Walther, der die Veranstaltung moderierte, dem Buch widmeten, begrüßte unser Schulleiter, Herr Dombrowski, das Publikum und das Podium.

Die dunkle Vergangenheit Deutschlands ist kein Geheimnis und doch verdrängen viele Deutsche eine mögliche Mittäterschaft ihrer Familie. Lorenz Hemicker – ehemaliger Schüler unserer Schule und heute Chef vom Dienst bei faz.net – wollte dies ändern und begab sich auf die Spuren seines Großvaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Beihilfe zum Mord angeklagt worden war. Unter dem Titel „Mein Großvater, der Täter“ veröffentlichte der Kiersper im Mai 2025 ein Buch über die Vergangenheit seines Großvaters und wie in seiner Familie damit umgegangen wird.
Über seinen Großvater, den er selbst nur Ernst nennt, sei in seiner Familie schon immer gesprochen worden, wobei Hemicker besonders der Satz „Dein Großvater hat sich verdient gemacht“ in Erinnerung geblieben sei. Für einen fünfjährigen Jungen mag dieser Satz schwer zu verstehen gewesen sein, doch seit vielen Nachforschungen weiß Hemicker, was sein Vater Peter mit diesem Satz gemeint hatte: Wie in so manch anderen deutschen Familien fielen auch im Hause Hemicker Sätze wie „Er wollte das nicht“ oder „Er hatte sogar Mitleid mit den Juden“.

Nachdem sein Vater kurz vor einer Reise nach Riga, dem Ort, wo wiederum dessen Vater Ernst Kriegsverbrechen begangen hatte, verstarb, beschloss Hemicker, der Geschichte seines Großvaters selbst nachzugehen und herauszufinden, ob die Aussagen wirklich stimmten – allerdings nicht, um ein Buch zu schreiben, sondern um für sich selbst die wahre Geschichte herauszufinden.
Als Sohn reicher Eltern, geboren zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs, sei Ernst Hemicker ein Gegner der Demokratie und der Weimarer Republik gewesen. Mit den Nazis kam für ihn ein regelrechter Aufschwung in sein Leben und als Tiefbauingenieur half er unter anderem am „Rigaer Blutsonntag“ bei der Ermordung von ca. 25.000 Juden: Er plante die Gruben und Rampen, auf denen die Menschen ihre letzten Schritte gingen.

Nach all seinen Recherchen ist für Lorenz Hemicker klar: Sein Großvater war kein Mitläufer gewesen und nicht aus Versehen in die SS hineingeraten. Diese Geschichte zu veröffentlichen, war ein großer Schritt und sorgte auch innerhalb der Familie Hemicker für Ärger. So bestehe zum Beispiel zu seiner Tante kein Kontakt und auch Gespräche mit seinen Cousinen seien eher schwierig. Andere Familienmitglieder hingegen reagierten positiv.

Im Anschluss an die Buchvorstellung hatten die Zehntklässler:innen die Möglichkeit, dem Autor Fragen zu stellen. So lautete eine Frage, ob Herr Hemicker sich nach der Recherche jetzt besser fühle. Dies wurde mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Auch Fragen, ob er zwischendurch ans Aufgeben gedacht habe oder wo man mit Recherchen anfangen solle, wenn man selber etwas über Menschen in seiner Familie erfahren will, stießen auf großes Interesse.

Mit dem Gong zur großen Pause endete zwar die Veranstaltung, doch auch viele Minuten nach dem eigentlichen Abschluss wurden noch fleißig Fotos geschossen, Fragen gestellt und angeregte Unterhaltungen geführt, was zeigte, dass Hemicker ein Interesse bei den Jugendlichen geweckt hatte, von dem manche vielleicht vorher noch gar nichts gewusst hatten.
Text: Sophie Alte (EF)
Fotos: Mila Nesselrath, Marie Soennecken (beide 8B)
