Zwischen Druck und Vertrauen: Das “Gemeinsam” als Kompass

08.11.2025 18:55

Prominente sind selten an Schulen zu Gast: Dagur Sigurðsson, ehemaliger Handball-Bundestrainer und heute kroatischer Nationalcoach, gab dem Presseteam ein Exklusivinterview. Adrian Freiberg sprach mit ihm über Motivation, Verantwortung und den Wert des Miteinanders.

 

“Man hatte einfach Lust, in die Halle zu gehen, zu trainieren, zu spielen“: Schon bei diesem Satz merkt man: Dagur Sigurðsson spricht über Handball nicht wie über einen Beruf – sondern über seine Leidenschaft. Ruhig, reflektiert, aber mit dieser Energie, die man sonst nur auf dem Spielfeld spürt.


Adrian Freiberg, EGM-Presseteam: Wie bist du eigentlich zum Handball gekommen?

 

Dagur Sigurðsson: Ich komme aus einer Sportfamilie. Mein Vater hat Fußball gespielt, meine Mutter Handball. Mein Bruder und ich haben beides gemacht, bis wir etwa 18, 19 waren. Irgendwann mussten wir uns entscheiden. Ich habe mich für Handball entschieden – und das nie bereut. Angefangen habe ich mit sieben oder acht Jahren, damals noch mit beidem: Fußball und Handball.

 

Frage: Wenn du heute auf deinen Weg zurückblickst – gibt’s Entscheidungen, die du anders treffen würdest?

 

Sigurðsson: Nein, eigentlich nicht. Ich bin keiner, der sich fragt, was hätte sein können. Ich treffe Entscheidungen mit Herz und Bauchgefühl – im Sport wie im Leben. Wichtig ist, dass man zu dem steht, was man tut.

 

Diese Klarheit und Konsequenz zieht sich durch unser gesamtes Gespräch – Sigurðsson ist jemand, der Verantwortung lebt, nicht nur übernimmt.

  
Frage: Was war deine Motivation, jeden Tag alles zu geben – als Spieler und später als Trainer?

 

Sigurðsson: Als Spieler war es einfach der Spaß. Ich war glücklich in meinen Teams, hatte viele Freunde – man musste sich nicht extra motivieren. Man wollte einfach in die Halle gehen, trainieren, spielen. Natürlich ist es harte Arbeit, aber genau das gehört dazu.

 

Frage: Und als Trainer?

 

Sigurðsson: Das ist anders. Es ist mehr ein Job, mit viel Verantwortung und Druck. Man kümmert sich um vieles, nicht nur ums Spielen. Aber es macht auch Spaß – nur eben auf eine andere Art.

 

Frage: Welche Eigenschaften sind dir bei Spielern besonders wichtig?

 

Sigurðsson: Die Mischung zählt. Ich gebe den Rahmen und die Taktik vor, aber ich muss sehen, welche Typen zusammenpassen. Manchmal macht ein Topspieler das Team nicht besser. Entscheidend ist, dass jeder auf dem Spielfeld groß werden darf – nicht nur die mit den meisten Toren.

 

Man merkt sofort: Für ihn bedeutet Leadership nicht nur Ansagen machen, sondern Menschen wirklich zu verstehen – mit all ihren Unterschieden. Doch hinter der Rolle als Trainer steckt noch viel mehr. Hier geht es längst nicht mehr nur um Handball, sondern um all das, was unter der Oberfläche passiert.

 

Frage: Wie erlebst du persönlich die Stunden vor einem großen Spiel?

 

Sigurðsson: Ein bisschen Angst zu haben, ist gut – Angst davor, zu verlieren. Sie sorgt für Konzentration. Man denkt über Abläufe und Situationen nach, der Kopf arbeitet Tag und Nacht. Wenn das Spiel beginnt, muss man ruhig bleiben, auf das Bauchgefühl hören und den Entscheidungen vertrauen.

Frage: Was tust du, um Spielern vor großen Spielen den Druck zu nehmen?

 

Sigurðsson: Ich versuche, ihre Stärken zu betonen. In der Ansprache zeige ich, wo wir stark sind und wo der Gegner Schwächen hat. So entsteht Glaube. Wenn die Spieler spüren, dass unser Weg funktioniert, wächst das Selbstvertrauen automatisch. Wir müssen das Gefühl haben: Wir schaffen das – gemeinsam.

 

Frage: Du hast schon einige Kulturen erlebt. Welche Unterschiede haben dich am meisten geprägt?

 

Sigurðsson: Japan war der größte Lernprozess. Dort gibt es kaum große Spieler, wenig internationale Erfahrung – also mussten wir mit Schnelligkeit und Disziplin unseren eigenen Stil finden. Ich konnte die Methoden aus Europa nicht einfach übernehmen, sondern musste alles anpassen – Training, Kommunikation, Führungsstil. Am Ende wurde es ein Achtjahresprojekt, auch durch Corona eine echte Herausforderung. Aber wir haben etwas Nachhaltiges aufgebaut. Das war für mich ein riesiger Entwicklungsschritt.

 

Nach den Einblicken in die psychologischen und kulturellen Aspekte des Trainerdaseins ging es im nächsten Abschnitt etwas technischer weiter. Hier stand der taktische Feinschliff im Vordergrund –  wie Sigurðsson sein Team auf große Turniere vorbereitet, welche Schwerpunkte er setzt und wie sich seine Herangehensweise über die Jahre entwickelt hat.

Frage: Das heißt, du hast schon eine ziemlich feste Rollenverteilung im Team, oder? Sodass jeder weiß, wo er steht und was von ihm erwartet wird?  

 

Sigurðsson: Genau, Ich muss dann schon im Kopf haben, auf welche Spieler ich setze. Wenn ich jedem gleich viel Spielzeit gebe, hat am Ende keiner genug Zeit, sich in die Mannschaft einzufügen. Also brauche ich eine klare Linie: Spieler X bekommt 90 Prozent der Zeit, Spieler Y 10 Prozent – auch wenn ich das so nie direkt sagen würde. Das ist eben Profiliga – jeder weiß, woran er ist, und wenn sich jemand verletzt, muss der Nächste sofort bereit sein, aber man darf sich nicht zu früh festlegen, weil immer etwas passieren kann – Verletzungen, Formschwankungen, alles. Deshalb warte ich mit meinen endgültigen Entscheidungen so lange wie möglich, bis ich genau weiß, welche Spieler fit sind.

 

Nach den Einblicken in seine Philosophie, Taktik und Motivation richtet sich der Blick nun auf die Zukunft – sowohl für ihn persönlich als auch für die kroatische Nationalmannschaft.  

Frage: Was sind deine Ziele mit der kroatischen Nationalmannschaft?

 

Sigurðsson: Wir wollen oben mitspielen – zweimal in vier Jahren ein Halbfinale zu erreichen, wäre schon ein großer Erfolg. Die Konkurrenz ist enorm: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Spanien, Schweden … da braucht man auch ein bisschen Glück und das richtige Timing.

 

Frage: Zum Abschluss: Gibt es einen Satz, den du jungen Spielern mitgeben würdest?

 

Sigurðsson: Ja – die Mannschaft steht an erster Stelle. Man arbeitet im Dienst des Teams. Wer das verinnerlicht, hat schon viel richtig gemacht.


Das Gespräch führte Adrian Freiberg (9A). Er spielt selbst aktiv Handball.

Fotos: Amelie Renschler (Q1)

Für alle, die das vollständige Interview lesen möchten – mit weiteren Fragen zu Taktik, Druck und Führungsstil – gibt es die Vollversion hier als PDF.

Zurück